Es war einmal...

"Buch vergessen - Popo messen!" - Schule vor 50 Jahren im Türmchenbau

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Montag, 26. April 2010

 

Eine frühere Schülerin schickte uns zwei Fotos aus ihrer Schulzeit vor 50 Jahren in der Evangelischen Volksschule Hennef in der Gartenstraße und erzählt:

 

 

"Ich bin nach den Osterferien 1960, wie es damals noch üblich war, in der Gartenstraße im Türmchenbau eingeschult worden. Die Schule hieß Evangelische Volksschule Hennef.

 

Wir waren sage und schreibe 42 Kinder im 1. Schuljahr. Die Lehrerin hieß Frau Otterpohl und war so eine typische strenge Lehrkraft der damaligen Zeit. Ich hatte oft Angst vor ihr.

 

Im 2. Schuljahr bekamen wir einen Lehrer Günsch (oder Güntsch?). Er schien uns jung und sehr motiviert. Er war die Güte selbst, ging viel mit uns in die Natur und zeigte uns Bäume, Blumen, Tiere und lehrte uns Vogelbestimmung nach ihrem Gesang u.a. Ihn liebte ich sehr, und er mochte mich auch. Ich weiß z. B. noch ganz genau, wie er mir immer eine Kakao- oder Milchflasche  für die Pause gab, wenn jemand fehlte und sie sonst wieder zurückgenommen werden musste. Meine Eltern hatten kein Geld für Schulmilch für mich und ich war damals sehr klein und dünn. Er sagte dann immer zu mir:" Komm her, du Sperling, du kannst was vertragen" und ich zog glücklich mit meiner Flasche in die Pause.

 

Der Rektor war Herr Tscheuschner, der auch Sonntags in der Ev. Kirche die Orgel spielte. Er war also eine Respeksperson sondergleichen. Er erteilte hauptsächlich Musikunterricht und ev. Religion, auch Rechnen in den höheren Klassen. Rektor Tscheuschner hatte die Angewohnheit, unruhige Schüler an den Schläfenhaaren aus der Bank zu ziehen, manchmal sogar bis nach vorne vor die Klasse, um die Züchtigung mit einer kräftigen Ohrfeige zu krönen. Es waren aber fast immer nur Jungen, die er sich in dieser Weise vornahm. Mädchen kniff er in die Wange, was auch schmerzhaft war. Andere Züchtigungsmittel waren sogenannte Strafarbeiten für zu Hause (seitenweise abschreiben aus dem Lesebuch oder ein paar Seiten Rechenpäckchen rechnen) oder Nachsitzen. Das bedeutete, man musste bei dem Lehrer nach dem eigenen Schulschluss noch im Unterricht einer höheren Klasse bleiben. Die Folgen im Elternhaus waren dann noch einmal sehr schmerzhaft, denn hier wurde man noch einmal bestraft!

 

Eine andere Lehrkraft - den Namen will ich nicht nennen - verteilte an die Jungen Kopfnüsse und beherbergte eine Pistole (!) - aber wahrscheinlich eine unechte - in ihrem Pult, mit der sie drohte, davon Gebrauch zu machen, wenn wir unartig seien. Das werde ich niemals vergessen, denn ich war ein sehr braves, schüchternes  und ängstliches Kind. Einer ihrer Lieblingssprüche war, wenn man beispielsweise ein Buch vergessen hatte: 'Buch vergessen, Popo messen'. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, dass sie diese Drohung wahr gemacht hat, aber eben an diesen Satz.

 

Die Evangelische Volksschule war nicht immer in der Gartenstraße. Ursprünglich war sie in der Steinstraße in einem alten Backsteinbau, der heute noch steht. In diese Schule ging mein Bruder, der ja 5 Jahre älter ist als ich. Er hatte einen Lehrer, der auch sehr streng war. Da wurde oft sogar der Rohrstock gezückt und auf dem Hosenboden mancher Jungen tanzen lassen, besonders, wenn die Hausaufgaben fehlten. Auch warf er manchmal mit seinem Schuh, der zielgenau auf dem Pult eines Unaufmersamen landete. Der musste ihn dem Lehrer dann tief beschämt durch die Klasse nach vorne bringen und wieder anziehen. Etwas harmloser war ein gezielter Kreidewurf, der manchmal aber recht schmerzhaft am Kopf des Schülers eintraf.

 

Da fällt mir ein, das Bild ist genau 50 Jahre alt! Vielleicht melden sich ja einige, die sich auf dem Bild erkennen  und wir können 50 Jahre Einschulung feiern!

 

Die Evangelische Volksschule hatte ein ziemlich weites Einzugsgebiet, und die Kinder kamen aus den umliegenden Ortschaften nach Hennef, alle zu Fuß oder wer damals schon hatte, mit dem Fahrrad. Es wurden nur evangelische Kinder in dieser Schule unterrichtet, da die anderen Volksschulen alle katholisch waren.

 

Damals spielte es eine nicht geringe Rolle, welche Konfession man hatte, und im katholischen Rheinland war es für uns Evangelische nicht einfach, Fuß zu fassen und Anerkennung zu finden. Wie ich gehörten die meisten evangelischen Kinder Flüchtlingsfamilien an, die durch den zweiten Weltkrieg hierhin gekommen waren. Wir waren damals regelrecht "Ausländer", obwohl wir Deutsch sprachen. Nur, wir sprachen eben nicht rheinisch. Das Rheinland der 50er und 60er Jahre behandelte uns mit Misstrauen und Argwohn, nicht auch zuletzt wegen unserer evangelischen Konfession.

 

Wie intolerant die verschiedenen Konfessionen miteinander umgingen, zeigte sich auch am Verhalten der Kinder untereinander. Neben unserer Schule stand die katholische Grundschule. Die beiden Schulhöfe waren durch eine Mauer getrennt. War aber Schulschluss, so lauerten sich besonders die Jungen der beiden Schulen gegenseitig auf, trugen Ringkämpfe aus, bewarfen sich mit Steinen und beschimpften sich mit schlimmen Wörtern.


Gottseidank hat sich das später geändert, und wir begannen, uns voll zu integrieren, besonders wir jungen Menschen. Die Vorbehalte auf beiden Seiten sind heute bei uns doch überhaupt nicht mehr spürbar. Wie das aber damals war, weiß kaum jemand noch, und es machte sich natürlich nur bemerkbar in den Brennpunken wie z.B. in den beiden Schulen der Gartenstraße."

 

Klasse 3 der Evangelischen Voksschule Hennef im Mai 1963; der Klassenlehrer, Herr Gün(t)sch, ist leider nicht dabei.