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Warum wir einen neuen Schulhof brauchen

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Mittwoch, 10. Januar 2007

 

Der Förderverein der Gemeinschaftsgrundschule Gartenstraße Hennef hat es sich zum Ziel gesetzt, die Schule bei ihrem Vorhaben der Neugestaltung des Schulhofes tatkräftig zu unterstützen. Dieses Projekt liegt uns vor allem deshalb sehr am Herzen, weil sich insbesondere der hintere Teil des Schulhofs zur Zeit in einem sehr schlechten Zustand befindet.

 

 

Im Rahmen dieser Neugestaltung ist es uns ein wichtiges Anliegen, den Schulhof so zu planen, dass er nicht nur nach optischen Maßstäben eine Aufwertung erfährt, sondern in erster Linie eine Funktion erhält, die den Bewegungsdrang und die Entwicklung unserer Kinder in vielerlei Hinsicht unterstützt.
Wir begreifen dabei Schulhof nicht nur als „Pausenraum“, sondern als aktiven Lern- und Erfahrungsraum, der auch innerhalb der Schulstunden als „erweitertes Klassenzimmer“ genutzt werden sollte. Zudem kommt dem Schulhof im Rahmen der Erweiterung der Schule zur „offenen Ganztagsschule“ eine nicht zu vernachlässigende Bedeutung als Lebensraum der Kinder zu.


Um den Bedarf und die Wichtigkeit eines solchen Projektes zu unterstreichen, möchten wir im Folgenden auf zwei wesentliche Punkte näher eingehen.


Bewegungserfahrungen fördern


Wie wichtig es ist, Kindern Räume zu ermöglichen, die Bewegungserfahrungen zulassen und fördern, zeigt sich vor allem daran, dass mittlerweile ein Drittel aller Kinder im Alter von 6 Jahren gesundheitsauffällig ist. Jüngsten Reihenuntersuchungen zufolge leidet jedes dritte Vorschulkind unter:

- Muskel- und Haltungsschwächen,
- Wahrnehmungs- und Koordinationsstörungen,
- Übergewicht oder
- emotional-sozialen Störungen.

Der Grund ist oft ganz simpel: Bewegungsmangel – früher ein unbekanntes Problem, heute eine Zeitkrankheit. Noch vor 30 Jahren waren Bewegung, Herumtollen im Freien oder das Austesten der eigenen körperlichen Fähigkeiten eine Selbstverständlichkeit für Kinder. Heute beeinträchtigt die Erwachsenenwelt die Entwicklung unserer Kinder:

- Sie finden immer weniger Spiel- und Bewegungsräume, in denen sie ihre Bedürfnisse spontan und gefahrlos ausleben dürfen.
- Sie werden im Zuge organisierter Events durch angeleitete Aktivitäten von den Erwachsenen verplant.
- Sie hocken – nahezu bewegungslos – vor Playstations, Computern oder Fernsehgeräten.
- Sie spielen in zunehmendem Maße allein, ohne Partner.
- Sie werden durch Überbehütung durch Erwachsene in ihrem spontanen Spiel- und Bewegungstrieb eingeschränkt.

Bedenklich ist dieser Trend auch deshalb, weil Bewegung und Körperwahrnehmung im Zusammenhang mit schulischen Lernprozessen eine große Rolle spielen. Der Aufbau von differenzierter Wahrnehmung und Bewegungssteuerung bildet eine zentrale Grundlage der Persönlichkeitsentwicklung. Diese Kompetenzen sind nach wissenschaftlichen Maßstäben die Voraussetzung für Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstsein, für jegliche Umwelterfahrung und Handlungsfähigkeit, Kommunikation und soziale Entwicklung sowie den Aufbau kognitiver Fähigkeiten.

Da es für viele Kinder heutiger Tage scheinbar keine Selbstverständlichkeit mehr ist, grundlegende Erfahrungen in den verschiedenen Entwicklungs- und Wahrnehmungsbereichen in ausreichendem Maße innerhalb ihres Nah-Umfeldes zu machen, kommt der Schule in diesem Sinne ein Mehr an Verantwortung zu, die sie zum Wohle der Kinder annehmen sollte und der sie sich letzten Endes auch gar nicht entziehen kann. Wenn wir wollen, dass Schüler effektiv lernen, sich aktiv beteiligen und interessieren, müssen wir dafür einen deren Bedürfnissen angepassten Rahmen schaffen.


Gemeinsam gestalten


Neben dem großen Feld der Bewegungsförderung ist es zudem wichtig, Kindern einen Raum zu bieten, in dem sie selbst gestalterisch tätig werden können. Auch das kann ein Schulhof ermöglichen. In unserer heutigen Gesellschaft sind Kinder als Gestalter nicht mehr gefragt, haben keine Möglichkeit mehr zur Mitgestaltung ihres Lebensraumes, bekommen Fertiges präsentiert, das in den Augen erwachsener pädagogisch wertvoll ist. Der Hang zu perfekt geplanten, oft naturfernen Lösungen, drängt Kinder allzu häufig in die Rolle von Statisten. Hinterher ist die Verwunderung groß, wenn die Kinder dann nichts Besseres zu tun haben, als das teuer Angeschaffte wieder zu zerstören. Schlimmer ist aber, dass man ihnen damit jede Möglichkeit nimmt, sich einzubringen, sich selbst und anderen zu zeigen, dass man etwas kann und die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes zu BEGREIFEN. Dort, wo wir es Kindern ermöglichen mitzugestalten, eigene Erfahrungen zu machen, Irrwege zu durchlaufen und neue Erkenntnisse zu gewinnen, findet wirkliches LERNEN statt. Mit solchen Projekten fördern wir nicht nur das Selbstbewusstsein unserer Kinder, sondern machen für sie auch erfahrbar, dass eine Gemeinschaft von der Verantwortung jedes einzelnen lebt. Der Wert eines solchen, von den Kindern mit viel Mühe und Arbeit selbst geschaffenen Bereiches ist denn auch ein ganz anderer für diese und wird bestimmt nicht so leichtfertig zerstört. In diesem Sinne finden wir es wichtig, den Kindern im Rahmen einer Schulhofneugestaltung solche Bereiche zu ermöglichen.

Kinder, die sich selbst als wertvollen und wichtigen Bestandteil der Gemeinschaft erfahren und die sich in ihrem natürlichen Bewegungsdrang ausleben können, sind selten aggressiv und zerstörerisch. Unter diesem Gesichtpunkt leistet dieses Projekt auch einen Beitrag in Punkto Gewaltprävention.


Wir möchten, dass unser Schulhof zu einem Ort wird, der Kindern Ruhe, Kommunikation, Sozialerfahrungen, Spiel, Bewegung, Kunst, Kreativität und Naturerlebnisse ermöglicht.

N. Stockschläder

(stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Fördervereins)